Dienstag, 12. Januar 2010
Listenwahnsinn, die letzte (vorerst)

Nach all den Bestenlisten über das ausgeklungene Jahrzehnt hier noch ein Überbleibsel des Jahres 2009: Die - zumindest in MP3-Form - am meisten von meiner Wenigkeit gehörten Alben.

Die meisten Ergebnisse waren ja zu erwarten, doch mit einem so deutlichen Distelmeyer-"Sieg" hab' ich nicht gerechnet - der werte Herr hat auch die Interpreten- und Songkategorie für sich entscheiden können, was man auf meiner last.fm-Page nachlesen kann.

Doch es gab auch hübsche Überraschungen: Die erst dieses Jahr von mir entdeckten Stone Roses und die immer wieder neu entdeckten und ewig guten Beatles. Ich bin gespannt, welche Alben in einem Jahr in dieser Liste stehen werden... (Ich würde schon mal wetten auf Midlake und die Tindersticks abschließen.)

01 Jochen Distelmeyer - Heavy
02 Bill Callahan - Sometimes I wish we were an eagle
03 Vampire Weekend - Vampire Weekend
04 Franz Ferdinand - Tonight Franz Ferdinand
05 Grizzly Bear - Veckatimest
06 Morrissey - Years of refusal
07 Lykke Li - Youth novels
08 Portishead - Third
09 Emiliana Torrini - Me and Armini
10 Lambchop OH (Ohio)
11 Element of Crime - Immer da wo du bist bin ich nie
12 Smog - A river ain't too much to love
13 Beck - Modern Guilt
14 Bonnie "Prince" Billy - Beware
15 Prefab Sprout - Steve McQueen
16 The Stone Roses - The Stone Roses
17 Stuart A. Staples - Leaving Songs
18 The Do - A mouthful
19 Emiliana Torrini - Fisherman's Woman
20 Bonnie "Prince" Billy - The letting go
21 Radiohead - Hail to the thief
22 Wilco - Wilco
23 The Beatles - 1967 - 1970
24 Blumfeld - Old Nobody
25 Calexico - Feast of wire

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Freitag, 8. Januar 2010
Beck's Record Club

Das neue Jahr beginnt gut, nicht mit Bier sondern dem alten Wunderkind Beck.

Der vor allem durch seinen Hit Loser bekannte Sänger und Songwriter veranstaltet seit einem halben Jahr einen hübschen, inspirierenden Club, in dem er mit anderen mehr oder weniger bekannten Musikern große Alben der Pop-Geschichte neu aufnimmt und in einzelnen Videos auf seiner Homepage präsentiert. Nach The Velvet Undergrounds Bananenalbum und Leonard Cohens Songs of Leonard Cohen kann man nun Skip Spences Oar bestaunen. Hier ein kleines Beispiel mit der zauberhaften Leslie Feist als Leadsängerin.



Hier geht's zu Beck's Record Club.

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Sonntag, 20. Dezember 2009
2000 - 2009. Ein Jahrzehnt in...Filmszenen.

Überall wird in den letzten Wochen Bilanz gezogen und über das ausgehende Jahrzehnt gerichtet. Da will auch tontraegerhoerer nicht fehlen und präsentiert hiermit Teil Drei seines Rückblicks. Dieses Mal geht es um die besten Filmszenen der letzten zehn Jahre.

(Achtung, dieser Beitrag ist voll von Spoilern. Wer die entsprechenden Filme noch sehen möchte, sollte lieber nicht weiterlesen.)


Nachdem ich vor ein paar Tagen schon eine Lobrede auf die große Zahl hochwertiger Serien gehalten habe, wird es nun Zeit zu betonen, dass die letzten zehn Jahre natürlich auch nicht arm waren an bemerkenswerten bis großartigen Filmen. Doch auch hier will ich mich auf fünf Szenen begrenzen, die sich in mein Gehirn eingebrannt haben. Sie bestechen durch ihr Timing, ihre Darsteller und ihre Gestaltung.

Natürlich benachteiligt die Auswahl von einzelnen Szenen einige Filme. Brokeback Mountain besitzt z.B. keine Sequenz, die mit den hier gezeigten allein mithalten könnte, während der gesamte Film sicherlich zu den besten des Jahrzehnts gehört. Doch jeder Entschluss zur Listenbildung beinhaltet automatisch eine Kategorisierung. Und jede Kategorisierung führt zum Ausschluss. Aber im Listenwahnsinn zum Dekadenende finden sich mit Sicherheit genug Vorschläge für die besten Filme des Jahrzehnts, bei denen auch die atmosphärisch dichten, dafür aber szenisch schwächeren Filme berücksichtigt werden. Und nun:


Die fünf besten Filmszenen 2000 – 2009


5. Star Wars Episode II: Attack of the Clones (2002) Count Dooku vs. Yoda

Als ich das erste Mal hörte, dass George Lucas eine zweite Trilogie von Star Wars-Filmen als Prequel plant, war mein zweiter Gedanke – nach „Oh nein! Bitte nicht!“ – „Ich will Yoda kämpfen sehen!“ Und in Teil Zwei der nun sechsteiligen Filmreihe wurden meine Wünsche erfüllt:
Die dunkle Seite der Macht hat sich enthüllt, die Republik scheint ins Chaos gestürzt und der düstere und anscheinend unbesiegbare Count Dooku (Christopher Lee) taucht auf. Wie zwei Schuljungen führt er den erfahrenen Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor) und dessen Schüler Anakin (Hayden Christensen) vor, bis sich ihm ein würdiger Gegner entgegenstellt, der kleine, gebrechliche Gnom und Jedi-Meister Yoda.
Natürlich übertreibt George Lucas wie immer maßlos, lässt Senior Lee durch die Luft wirbeln und seltsame Sachen sagen, doch keiner Filmfigur habe ich je einen so pointierten und (wie passend) machtvollen Auftritt gegönnt wie dem animierten Yoda. Das ist Popcorn-Kino vom Feinsten.




4. Pride & Prejudice (2005) Ein Beinahe-Kuss im Regen

Jane Austens Roman Stolz und Vorurteil liegt mittlerweile in mehr als vier Verfilmungen vor. Die zwar nicht originalgetreueste, dafür jedoch schönste ist 2005 Joe Wright gelungen. Fast genau in der Mitte des Films macht der wortkarge und scheinbar unhöfliche Mr. Darcy (Matthew Macfadyen) der jungen Elizabeth Bennet (Keira Knightley) einen Heiratsantrag, den diese empört über sein Verhalten ablehnt. Die beiden sind bereit, im Streit auseinander zu gehen. In diesem Augenblick kreieren die beiden Hauptdarsteller ein ruhiges und fesselndes Moment, in dem die Stimmung kippt und es fast zu einem Kuss kommt. Unterstützt wird das Ganze durch Wrights Inszenierung, die in ihren Bewegungen an zahlreiche Standard-Kussszenen erinnert, und doch nicht so wie gewohnt endet.
Eine so leichtfüßige, schwebende und doch berührende Szene ist mir selten zuvor begegnet.




3. The Dark Knight (2008) Der magische Stift-Trick

Es ist alles gesagt worden über Heath Ledgers Darstellung des Joker in Christopher Nolans The Dark Knight, und es stimmt alles. Doch diese kurze, morbide Szene bringt die Performance auf den Punkt. Man könnte auch sagen: Sie trifft den Stift auf den Kopf.




2. Dancer in the Dark (2000) Finale

Wer diesen Film noch nicht gesehen hat, sollte das schleunigst ändern und bloß nicht dieses Video anschauen. Was Lars von Trier sich ausgedacht hat, ist unerhört pathetisch und dennoch grandios, was vor allem Björk zu verdanken ist. Als ich den Film mit dieser Schlussszene das erste Mal gesehen habe, war der Tag für mich gelaufen.




1. Kill Bill Vol. 2 (2004) Leben, Tod und Sandwiches

Die Braut (Uma Thurman) ist am Ziel. Endlich hat sie ihren mörderischen und gnadenlosen Ex-Liebhaber und –Boss gefunden und ist bereit, ihn ins Jenseits zu befördern. Doch sie hat nicht damit gerechnet, dass in Bills Villa auch ihre tot geglaubte Tochter auf sie wartet. Und so entspinnt sich statt einem blutigen Endgemetzel ein in Andeutungen geführtes Rededuell in der Küche.
Wie Bill mit einem überdimensionalen Küchenmesser Sandwiches für seine Tochter zubereitet und gleichzeitig über Leben und Sterben doziert, ist so groß, so wahr und so absurd, dass man David Carradine nie wieder vergessen wird.
Natürlich konnte die beste Szene des Jahrzehnts von niemand anderem als Quentin Tarantino kommen, dem Großmeister des szenischen Kinos. Man verzeiht ihm gerne, dass er manchmal das große Ganze aus den Augen verliert, wenn dafür solche Szenen herausspringen.




Hier geht es zu Teil 1 der Rückblicke
Hier geht es zu Teil 2 der Rückblicke

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Donnerstag, 17. Dezember 2009
2000 - 2009. Ein Jahrzehnt in...Serienszenen.

Überall wird in den letzten Wochen Bilanz gezogen und über das ausgehende Jahrzehnt gerichtet. Da will auch tontraegerhoerer nicht fehlen und präsentiert hiermit Teil Zwei seines Rückblicks. Dieses Mal geht es um die besten Serienszenen der letzten zehn Jahre.

(Achtung, dieser Beitrag ist voll von Spoilern. Wer die entsprechenden Serien noch sehen möchte, sollte lieber nicht weiterlesen.)


Die Qualität und Vielfalt von Fernsehserien hat in der letzten Dekade auf atemberaubende Weise zugenommen. Mittlerweile wird vielfach von Serien als besserem Kino gesprochen, was angesichts von Tempo, Wendungen und visueller Umsetzung einiger Serien wie u.a. Lost, Dexter oder Damages durchaus nachvollziehbar ist.

Und während mir die meisten Komödien im Kino eher missfallen, gibt es eine Vielzahl unterhaltsamer, witziger Serien. Scrubs, Boston Legal und Veronica Mars sind da nur die Speerspitze.

All das hat mich dazu bewogen, nicht nur über die besten Filmszenen der letzten zehn Jahre nachzudenken, sondern auch über die aufregendsten und mitreißendsten Momente des Serienjahrzehnts. Et voilà, hier sind sie:

Die fünf besten Serienszenen 2000 – 2009


5. 24 Day 4: 1:00 p.m. – 2:00 p.m.

Leider habe ich diese Szene nicht bei einem der gängigen Videoportale gefunden und dennoch gehört sie zu meinen Lieblingsszenen. Jack Bauer (Kiefer Sutherland) gerät mit einer Zeugin in einer Garage in einen ausweglosen Hinterhalt. Natürlich kann man sich als Zuschauer denken, dass Jack überleben wird, doch die Art und Weise seiner Rettung hat dafür gesorgt, dass ich aus meinem Sessel aufgesprungen bin und jubelnd die Arme gen Himmel streckte. Denn kurz bevor der fiese Killer Jack ins Jenseits befördert, geht das Garagentor auf und der viel zu lang vermisste Tony Almeida (Carlos Bernard) erledigt das Problem. Ein triumphaler Augenblick, so ähnlich wie das entscheidende Fußballtor in der Nachspielzeit.


4. Boston Legal Denny Crane

William Shatner – der ewige Captain Kirk – spielt in dieser Serie den alten, reaktionären Anwalt Denny Crane mit einem akuten Gedächtnisproblem an der Seite seines in jeglichem Bereich gegenteiligen besten Freund Alan Shore (ebenso genial: James Spader). Das Markenzeichen dieses Anwalts: In jeder auch noch so abwegigen Situation braucht Denny Crane nur zwei Wörter: Denny Crane.




3. The X Files Staffel 7: Closure

Sieben Staffeln lang rätselt der Zuschauer zusammen mit Mulder (David Duchovny) und Scully (Gillian Anderson) über das Verschwinden von Mulders Schwester Samantha. Dass diese nicht – wie Mulder immer vermutete – von Aliens entführt wurde, sondern die Autoren eine völlig andere Lösung gefunden haben, ist einer der letzten, guten Momente der leider zu lang produzierten Serie. Eine Ausnahmestellung erhält die Auflösungsszene aber durch die emotionale Intensität, die sich mit der gerade farblich spektakulären Inszenierung und der anrührenden Musik von Moby vermischt. Herzzerreißend.




2. Alias Staffel 2: The enemy walks in

Nachdem Sydney Bristow (Jennifer Garner) schon in den letzten Sekunden der ersten Staffel herausfinden musste, dass der bislang geheime Gegenspieler ihre für tot gehaltene Mutter Irina Derevko (Lena Olin) ist, verschärft J.J. Abrams das Mutter-Tochter-Verhältnis direkt zu Beginn der zweiten Staffel. Diese Wendung ist an sich schon atemberaubend und wird noch besser dadurch, dass sie die exzellente Darbietung Lena Olins über die ganze Staffel hinweg ankündigt.




1. Lost Staffel 3: A tale of two cities

Die an Wendungen nicht gerade arme Serie setzt den Höhepunkt an Überraschung zu Beginn der dritten Staffel.
Die grüne, wuchernde Hölle der mysteriösen Insel scheint verlassen, stattdessen begleiten wir eine attraktive, blonde Frau zu Petula Clarks Downtown bei Vorbereitungen für ein Buchclub-Treffen: Cookies werden gebacken, Stühle geräumt, rasierte und frisierte Gäste im hübschen Holzhaus in einem Dorf empfangen – ein krasser Gegensatz zum Robinson Crusoe-Look der ersten Staffeln.
Im ersten Augenblick fürchtet man, die falsche Serie eingeschaltet zu haben, doch dann beginnt die Erde zu beben. Die Bewohner des idyllischen Dorfs verlassen verwundert ihre Häuser und werden Zeugen eines Flugzeugabsturzes, des Flugzeugabsturzes.
Die Entscheidung, den Beginn der Serie noch einmal aus der Perspektive der „Anderen“ zu zeigen, ist nicht unbedingt innovativ, die Umsetzung jedoch ist grandios. Überraschter saß ich nie vor dem Fernseher.





Hier geht es zu Teil 1 der Rückblicke

Und bald geht es weiter mit den besten Filmszenen!

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Freitag, 11. Dezember 2009
Weihnachtsgeschenk von Portishead

Passend zur Adventszeit beglücken Portishead mit Chase The Tear. Trip Hop ist weiterhin tot, es lebe Portishead!

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Sonntag, 6. Dezember 2009
2000 - 2009. Ein Jahrzehnt in...Alben.

Überall wird in den letzten Wochen Bilanz gezogen und über das ausgehende Jahrzehnt gerichtet. Da will auch tontraegerhoerer nicht fehlen und präsentiert hiermit Teil Eins seines Rückblicks.

(Achtung, dieser Beitrag ist umfangreich. Für alle eiligen und ungeduldigen Kinder des Internets findet sich eine einfache Liste der besten Alben am Ende des Artikels.)


Johannes Waechter, der umtriebige Musikblogschreiber der SZ, prophezeite kürzlich in einem Interview, man könne dem Album als Format „getrost das Totenglöcklein läuten“ bedingt durch die erhöhte Verfügbarkeit einzelner Songs in Zeiten von Itunes und Napster.
Gleichzeitig kündigen Bands wie Radiohead an, die zur Avantgarde der Vermarktung im digitalen Zeitalter zählen, vorerst keine Alben sondern nur Singles und EPs zu produzieren. Wird das Album also sterben?

Ehrlich gesagt ermüden die ständigen Apokalypse-Vorhersagen im Musikgeschäft. Ginge es nach all den Wahrsagern, müsste Vinyl längst ausgestorben sein, würden fast alle Künstler am Hungertuch nagen und bald verschwände auch noch die CD. Oh my God, they killed Kenny!

Doch wenn man einen Blick zurück wirft auf die letzten Jahre, vergeht einem schnell die Angst. Denn das erste Jahrzehnt dieses Jahrtausends hat vielfältigere, dichtere und mehr herausragende Alben hervorgebracht als die 90er Jahre.
Wer widersprechen will, die Kommentarfunktion findet sich unten. Und nein, Morning Glory und Nevermind sind keine großen Alben sondern Ereignisse. Oder will mir ernsthaft jemand erzählen, alle Songs dieser Alben super zu finden?

Und damit wäre ich auch schon bei meinem ersten Auswahlkriterium für die besten Alben der letzten zehn Jahre. Ich habe nur Werke in Betracht gezogen, bei denen ich nie das Bedürfnis hatte, einen Track zu überspringen. Darüber hinaus wollte ich nur Alben auswählen, mit denen ich ein Stück meiner Geschichte verbinde. Als drittes Kriterium habe ich mich dagegen entschieden, nach einem typischen 00er-Sound zu forschen und mir stattdessen zu überlegen, welche Alben noch nicht da Gewesenes (hier fallen The Strokes, Franz Ferdinand, The White Stripes und Konsorten raus) präsentieren und auch in fünfzig Jahren noch auftrumpfen können.

So, lange Vorrede, jetzt zum Sinn:

Schon 2000 erschien das Album des Jahrzehnts als eine Art Initialzündung für die Musik und für mich. Man tanzte in der Idiothek, war gleichzeitig optimistisch und wollte doch vollkommen verschwinden und nie gefunden werden. Man trötete die Nationalhymne und läutete die Morgenglocke. Alles war an seinem richtigen Platz auf Radioheads Wiedergeburt Kid A. Nach einem Jahrzehnt des Brit-, Gitarren-, Grunge-, Hard-, Metal- und Sonstwie-Rock, das Radiohead mit OK Computer selbst mitgeprägt hatten, wies die Band neue Wege.
Da existierten plötzlich Free Jazz- und Folksongs, Techno-Tracks und Gitarrenmonster, Harfenweisen und Elektrowaberwolken nicht nur friedlich nebeneinander, sondern ergänzten und erweiterten sich gegenseitig wie nie zuvor.


Das macht Kid A zur perfekten Metapher für die übrigen zehn spannendsten Alben der 00er Jahre:



Everything in its right place

Und auf einmal ist alles da, die Töne, der fließende Rhythmus, die Gelassenheit. In einer Wärme, die elektronische Musik eigentlich nicht erzeugen kann. Doch schon bei den ersten Momenten des Songs umgibt einen ein Kokon aus Geborgenheit. Dieses Gefühl schufen Lambchop 2002 auf Is a woman ein ganzes Album lang. Das Bandkollektiv um Kurt Wagner schien nach den unruhigen Vorgängern ausgeglichen und angekommen. Karl Bruckmaier, SZ-Musikkritiker, ließ sich sogar zu der Aussage hinreißen, dass Is a woman eines der besten Alben aller Zeiten sei, ein Gedanke, den man in zwanzig Jahren noch einmal aufgreifen müsste. Auf jeden Fall gab es mindestens seit Nick Drake kein so reduziertes und stimmiges Album, das doch immer noch eine Idee Soul und Country in sich trägt. Und die Gänsehaut bei Kurt Wagners Gebrummel gibt es umsonst obendrauf.


Kid A

Einer der seltsamsten Momente des Radiohead-Albums passt perfekt zum 2001 erschienenen ( ) von Sigur Rós. Verschwurbelte, an Spieluhren erinnernde Melodiefragmente, die plötzlich abheben und in ungekannten Sphären verschwinden. Klingt esoterisch? Ist es auch, denn Songs von Sigur Rós sind immer mehr als Musik. Wenn der Geigenbogen über Gitarrensaiten schwebt, entstehen Klänge, die eine dringliche Sehnsucht nach Weite und Ruhe in sich tragen. All das zelebrierten Sigur Rós 2001 – bevor sie auch lautere Facetten an sich entdeckten – auf dem Traumreise-Album ( ).


The National Anthem

Zwei Minuten, angetrieben von einem unwiderstehlichen Gitarren-Bass-Duett. Zwei Minuten, tanzbar gemacht von einem hypnotischen Schlagzeugrhythmus. Zwei Minuten, und dann eine Stimme, auf die man viel zu lange warten musste. Radioheads The National Anthem und Silence von Portishead, zwei Songs mit einem identischen Aufbau.


Doch während sich The National Anthem zu einer Free Jazz-Kakophonie mit Big Band entwickelt, läutet der Opener vom ersten Studioalbum seit elf Jahren der Bristoler Trip Hop- und Melancholie-Erfinder Portishead stringent eine neue Ära ein. Third brach mit allen Erwartungen - keine Samples und kein werbetauglicher Film Noir-Sound mehr – und übertraf sie. Eine unbeschreibliche Mischung verzerrter Saxophone (Magic Doors), fieser Machine Gun-Reminiszenzen, barbarischer Trommeln (We carry on) und über allem Beth Gibbons herzzerreißende Stimme machten aus Portishead eine andere, eine neue Band – und Third zum wohl gelungensten Comeback aller Zeiten.


How to disappear completely

Thom Yorke kann durch Wände gehen. Das überrascht nicht wirklich, aber die Vehemenz und Eindringlichkeit von How to disappear completely würden Sorgen um seine Verfassung bewirken, wäre da nicht die erlösende, letzte Minute des Songs.
Genauso ergeht es dem Hörer der Cover-Sammlungen American Recordings III und IV. Johnny Cash befindet sich immer schon mit einem Bein im Reich des Todes und zieht sich doch wieder selbst hinaus. Wenn man in Schönheit sterben kann, dann wohl so wie Johnny mit I see a darkness (im Duett mit dem Schreiber des Songs Bonnie „Prince“ Billy/Will Oldham) oder U2s One.


Johnny Cash starb am 12. September 2003, doch eins ist sicher:
We’ll meet again / Don’t know where / Don’t know when / But I know we’ll meet again / Some sunny day.


Treefingers

Beth Gibbons hat mit dem Bassisten der 80er-Helden Talk Talk ein Folk-Album aufgenommen, das so ruhig ist wie dieser Radiohead-Song. Das ist an sich nichts Besonderes und erst recht nichts Neues, Folk gibt es seit Jahrzehnten. Doch die Portishead-Chanteuse ist eine Göttin und deshalb ist Out of season von Beth Gibbons & Rustin Man eine Offenbarung. So einfach ist das manchmal.


Optimistic

Optimistic ist wohl der einzige Song dieser Zusammenschau, den man 1:1 auf ein anderes Album verfrachten könnte, genau zwischen Yellow und Trouble. Coldplays Debüt Parachutes klang so optimistisch, kraftvoll und doch einfühlsam, dass man glauben konnte, die Band hätte Britpop eben erst erfunden. Was allein schon der kurze, erste Song mit dem Hörer anstellt, ist zauberhaft und hat – zum Glück – noch nichts mit dem Stadionrock à la U2 von später zu tun. Everything’s not lost!


In Limbo

You’re living in a fantasy, ein Vorwurf, den man bestimmt auch von einem auf Englisch singenden Jochen Distelmeyer zu hören bekäme. Da Blumfeld jedoch eine deutsche Band mit fast ausschließlich deutschen Texten ist, klingt das auf Testament der Angst so: Ich seh die Leute in den Straßen / Die Diktatur der Angepassten / In den Städten und den Dörfern / Leben sie und ihre Lügen / Lügen, Lügen, Lügen.
Blumfeld holten aus zum ganz großen Wurf und Distelmeyer war so wütend wie schon lang nicht mehr. Doch die Band stellte nicht nur die Diktatur der Angepassten, Medien, Märkte, Merchandise und Egoismus an den Pranger, sondern komponierte nebenbei wundervolle Liebeslieder.
Mittlerweile sind Blumfeld aufgelöst und Jochen Distelmeyer macht Schlager, der den Namen verdient und empfehlenswert ist. Zum Glück hat die Band ihr Testament schon 2001 hinterlassen.


Idioteque

Während Radiohead in die düstere und verstörende Idioteque einluden und Zuhörer mit elektronischen Beats bombardierten, öffnete Madonna die Discothek-Pforten. Mithilfe des französischen Produzenten Mirwaïs fiepte, zirpte und brummte einem Music um die Ohren.
Kaum ein Dance-Track schafft es, selbst noch nach acht Jahren so aktuell zu klingen wie der Titelsong. Überhaupt war Madonna 2001 auf dem qualitativen Höhepunkt ihrer Karriere mit zwei bemerkenswerten Alben als Gesamtkunstwerke nacheinander, dem ätherischen, introvertierten Ray of Light und dem ausgelassenen Music. Und danach? Darüber schweigen wir lieber…


Morning Bell

Jetzt kommt tontraegerhoerer ein wenig ins Schwitzen, denn zum einen gibt es noch ein Album, das er gerne unterbringen würde, welches aber eigentlich zu keinem Song passt, und zum anderen klingt Morning Bell wie keine andere Band. Doch wenn man die Augen schließt und sich Thom Yorkes Stimme wegdenkt, dann liegt dem Song ein, nun ja, Drive zugrunde, der eine deutsche Band so unverwechselbar macht: Element of Crime.
Deren Album Romantik ist die Platte, die man mit dem/der Geliebten hören will - trotz aller Melancholie. Dabei sollte man dieses Band-Phänomen besser nicht beschreiben, weil man dazu entweder ganze Songtexte zitieren oder aber die Schönheit ihrer Musik zerreden muss. Hören!
Um noch einmal zum Radiohead-Vergleich zurückzukommen: Der einzige deutsche Sänger, der wie Thom Yorke in einem einzigen Song von parkenden Autos und in der Hälfte zu zerschneidenden Kindern singen könnte, wäre Sven Regener. Und da schließt sich der Kreis.


Motion Picture Soundtrack

Und zum Schluss ist alles egal, der Rotwein ist getrunken, die Engel spielen auf und wir sehen uns im nächsten Leben. Man munkelte, Thom Yorke sei dem Selbstmord nahe und habe mit Kid A sein Vermächtnis hinterlassen, den Motion Picture Soundtrack seines Lebens. All das stellte sich zum Glück als übliche Musikpresse-spekulationen heraus, doch wenn der Radiohead-Sänger zu den Schlaftabletten gegriffen hätte, wäre nur ein einziger Engel in Frage gekommen, die Harfe auf dem Weg ins nächste Leben zu spielen.
Was Joanna Newsom im zarten Alter von 24 Jahren aus dem Hut zauberte, ist ein Meisterwerk. Ys besteht aus fünf Stücken, denn Songs kann man diese kleinen Symphonien nicht mehr nennen. Arrangiert von der Legende Van Dyke Parks, der schon für das Beach Boys-Meisterwerk Pet Sounds komponierte, fesselten die komplexen, teils mehr als fünfzehn Minuten langen Stücke selbst Drei-Minuten-Songs-Anhänger.





Und nun…Stille. Und die Hoffnung, dass die nächsten zehn Jahre ähnlich vielfältig werden.

Und hier noch einmal zur Übersicht:

2000-2009, 10 + 1

Radiohead Kid A (2000)
Lambchop Is a woman (2002)
Sigur Rós ( ) (2001)
Portishead Third (2008)
Johnny Cash American Recordings III (2000)
Beth Gibbons & Rustin Man Out of season (2002)
Coldplay Parachutes (2000)
Blumfeld Testament der Angst (2001)
Madonna Music (2001)
Element of Crime Romantik (2001)
Joanna Newsom Ys (2006)


Und hier bei Endgültig findet ihr den Aufruf, selbst die besten Alben der vergangenen zehn Jahre zu wählen!

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Freitag, 27. November 2009
Ich bin ein nichts - Gunter Gabriel

Was soll man davon halten, wenn Gunter Gabriel Radioheads Creep covert? Überraschenderweise viel. Hier ist der Beweis.

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